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Mit Worten Welten erschließen

Gut getroffen! - Zitate aus Kunst, Literatur und dem ganzen Rest


zusammengestellt von der Redaktion

„Dieses Versprechen, das in jedem Erzählen aufscheint, zwingt zur lustvollen Wiederholung: zum Erzählen als einem notwendigen und paradoxen Vorgang, der das Ende, wenn auch verkennend, fassbar macht und es zugleich erzählend aufschiebt.“

Nina Tecklenburg, „Performing Stories“


„Adventures happen to people who know how to tell about them.“

Jerome Bruner / Henry James


„Die Erzählung [...] beschränkt sich nicht darauf, über eine Bewegung zu sprechen. Sie vollzieht die Bewegung. Man versteht eine Bewegung, indem man den Tanz mitmacht.“

Michel de Certeau, „Kunst des Handelns“



“Don't ever tell anybody anything. If you do, you start missing everybody.”

J.D Salinger, „The Catcher in the Rye“


„Menschen klinken sich in Geschichten ein, sowohl als Beobachter als auch als gefühlte Teilnehmer, und schaffen damit eine Art neuronalen Gleichgewichts, ein Optimum, der es ihnen erlaubt, in eine Geschichte einzutauchen, ohne ernsthaft von ihr bedroht zu sein. Diese Anteilnahme an Geschichten führt zur Bildung von Empathie - einer Empathie, die unverzichtbar für die Schaffung einer menschlichen Zukunft ist. Diese Empathie ist der Grund, so behaupten wir hier, dass Geschichten die Kraft haben, uns zu retten.“

Bem Le Hunte & Jan A Golembiewski



Eine gut erzählte Geschichte macht aus den Ohren Augen.

(?chinesisches? Sprichwort)



Nothing gives a clearer insight into the nature of storytelling revivalism than the experience of sitting in a forest park, listening to the approach of thirty barely-supervised eleven to thirteen year olds, and reflecting that for the next sixty minutes it is me, my repertoire,and them. Under such circumstances storytelling revival feels less about re-creating the distant past than surviving the immediate future.

Simon Heywood



1 Hakawati=Märchenerzähler mühte sich. Aber auch derart einfallslos, dass ihm nur 1 zahnlose Alte nicht mehr zuhörte. ( Angeblich sollten <Die Araber> sich nichts schöneres gewußt habm, als diese Form der Unterhaltunk :  muß ooch n dolles Follk gewesen sein ! ).


Arno Schmidt, „KAFF auch Mare Crisium“



Wenn wir etwas über einen Menschen wissen wollen, fragen wir „Was ist seine Geschichte? - seine wirkliche, innerste Geschichte?“ - denn jeder von uns ist  eine Biographie, eine Geschichte. Jeder von uns ist eine einzigartige Erzählung, die fortlaufend zusammengesetzt wird, unbewusst durch, mit und in uns - durch unsere Wahrnehmungen, unsere Gefühle, Gedanken, Handlungen; und, nicht zuletzt, unsere Rede, unsere gesprochenen Erzählungen. Biologisch gesehen, unterscheiden wir uns nicht so sehr voneinander; historisch gesehen, als Erzählung, ist jeder von uns einzigartig.“


Oliver Sacks, Neurologe


Tell me a story.

In this century, and moment, of mania,

Tell me a story.


Make it a story of great distances, and starlight.

The name of the story will be Time,

But you must not pronounce its name.


Tell me a story of deep delight.


Robert Penn Warren



 

"Die Abenteuergeschichten zuerst, bitte. Erklärungen brauchen immer so schrecklich lange"


Lewis Carroll, "Alice im Wunderland"



 

"Es braucht tausend Stimmen, um eine einzige Geschichte zu erzählen."

João Camilo, Autor



 

"Der Mensch ist in seinen Handlungen und in seiner Praxis ebenso wie in seinen Fiktionen im wesentlichen ein Geschichten erzählendes Tier (…) ich kann die Frage: ‘Was soll ich tun?’ nur beantworten, wenn ich die vorgängige Frage beantworten kann: ‘Als Teil welcher Geschichte oder welcher Geschichten sehe ich mich?’“


Alasdair MacIntyre, Philosoph



 

"When you play a violin piece, you are a storyteller, and you're telling a story."

Joshua Bell, Violinist



 

"In unserer offiziellen Kulturanschauung sind die rein verbale Formulierung und die intonatorisch / gestisch / mimische Darstellung, das Schauspielerische, dissoziiert und auf zwei Kunst- und Berufssparten verteilt; gelungenes spontanes Erzählen vereinigt sie. Die volks- und völkerkundliche Forschung besteht heute immer wieder darauf, daß die Leistung des Erzählers ohne die Komponenten der zweiten Art nicht adäquat beschreibbar ist; wir sehen offiziell über dieses Potential hinweg, suchen die Kunst dann beim Schauspieler (der sie aber leider oft nicht so gut beherrscht wie ein spontan Erzählender)."


Anna Fuchs in Konrad Ehlich (Hg.):"Erzählen in der Schule"



 

"Es wäre ein Unding, wenn Lehrer gewohnheitsmäßig nach umstrittenen Kriterien eine Tätigkeit ihrer Schüler zensierten, die sie selbst so gut wie nie ausüben. Um sich gegen vereinfachende Schemata zu immunisieren und die spontane Bewertungskompetenz zu aktivieren (die ja die Produktion wie Rezeption steuert), ist es eine nützlich Übung, ziemlich regelmäßig für ein bewertendes Publikum (Gäste; den Adressaten eines persönlichen Briefs) eine selbsterlebte Episode o.ä. spontan - ohne vorgefaßten Plan und ohne viel Nachbesserungsmöglichkeit - gut zu erzählen."


Anna Fuchs in Konrad Ehlich (Hg.):"Erzählen in der Schule"



 

"Das erzählende Wort ist mehr als Rede; es führt das, was geschehen ist, faktisch in die kommenden Geschlechter hinüber, ja das Erzählte ist selber Geschehen."


Martin Buber im Vorwort zu "Die Erzählungen der Chassidim"



 

"Lassen sich diese Gedanken Barths zur apostolischen Überlieferung nicht übertragen auf jede Art von lebendiger Überlieferung? Muß nicht jeder gute Überlieferer, Erzähler und Weitererzähler , soll die Erzählung für seine Hörer zum existenziellen Erlebnis werden, immer zugleich ein bißchen Judas und Paulus sein, der Tradition gegenüber um der Adressaten willen treu und untreu sein?Besteht nicht bei zu großer Treue dem überlieferten Wortlaut gegenüber die Gefahr der Konservierung und damit Erstarrung? Und noch ein Schritt weiter: Kann nicht durch Verwendung einer fraglos selbstverständlich gewordenen Geschichte, eines allzu bekannten Märchens die Frage nach deren ursprünglichem Sinn neu geweckt werden? Kann nicht durch eine Veränderung eine Saite zum Klingen gebracht werden, die in der herkömmlichen Version verspannt oder stumm geblieben war? Kann nicht ein Märchen heute an Effektivität gewinnen, wenn in seiner Neuerzählung die gesellschaftlichen Rollenerwartungen von einst überwunden werden?
Die Frage so stellen heißt sie bejahen."


Johann-Friedrich Konrad, Theologe



 

"So gehen sie dahin, die vielen, vielen Liebespaare im Tiergarten, erzählen sich gegenseitig, klagen sich ihr kleines Leid, und haben alle recht. Sie stellen das Gleichgewicht des Lebens wieder her."


Kurt Tucholsky, Schriftsteller



 

"Der Erzähler schreibt mit der Zunge, und die Luft ist sein Papier."

Ben Haggarty, Erzähler



 

"We are Pan narrans, the storytelling ape."

Terry Pratchett



 

"Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen - Erwachsenen, damit sie aufwachen."

Jorge Bucay



 

"Die Gesellschaft wird durch Millionen von Gesprächen gebildet. Wenn ein Mensch seine Geschichte erzählen kann, wird er Teil einer Gesellschaft. Wem man nicht zuhört, der existiert nicht."

Henning Mankell, Schriftsteller



 


"Wenn man eine Geschichte nicht mehr weiß, soll man sich an das Gesicht desjenigen erinnern, der sie erzählt hat. Dann ist sie wieder da."

Rene M., 85 Jahre



 


"Stellen Sie sich einmal vor, jede Geschichte, die Sie in Ihrem Leben erlebt oder gehört oder gesehen oder gerochen haben, und damit meine ich jede noch so kleine Geschichte, von einem Regentropfen zum Beispiel, der genau auf Ihrer Nasenspitze landete, wenn also jede dieser Geschichten durch einen Gegenstand, ein Tier oder einen Menschen verkörpert würde, der sich in dieser Welt befindet...stellen Sie sich das bitte vor...könnte es dann nicht sein, dass Sie dann, wenn dem so wäre, in diesem Moment genau hier säßen und sähen, was Sie sehen?
Was aber heißt dann, wenn dem so wäre, 'erzählen' und 'zuhören'? Eine Geschichte zu erzählen, oder sie auch zu hören, hieße dann, die Bausteine und Bestandteile dieser Welt einmal genauer zu beleuchten, sich mit einem Element dieses Universums intensiv zu beschäftigen, es vielleicht sogar zu reparieren oder zu verschönern. "


Georg Eismaßen in "Ein Haus der Geschichten"



 


"..the amateur tells the words, the professional tells the story, the artist tells the listener."


namentlich nicht bekannter Geschichtenerzähler



 


"[poetisch zu wirken]...um im Innersten des Menschen den sinnlosen Krieg zum Schweigen zu bringen und durch die Magie der Worte die Dämonen auszutreiben."


Dominique de Villepin, französischer Außenminister

in "Eloge des voleurs de feu"



 


"Wenn man vom Artikel der Rechtfertigung predigt, so schläft das Volk und hustet; wenn man aber anfähet, Historien und Exempeln zu sagen, da reckts beide Ohren auf, ist still und höret fleißig zu."

Martin Luther



 

"Geschichten sind deshalb Geschichten, weil sie uns an Geschichten erinnern"

Peter Bichsel



"Und selbst wenn eines Tages nicht mehr geschrieben oder gedruckt werden wird oder darf, wenn Bücher als Überlebensmittel nicht mehr zu haben sind, wird es Erzähler geben, die uns von Mund zu Ohr beatmen, indem sie die alten Geschichten zu neuen Fäden spinnen: laut und leise, hechelnd und verzögert, manchmal dem Lachen und manchmal dem Weinen nahe."

Günter Grass, anlässlich

der Verleihung des Literaturnobelpreises



"Erzählen ist wie Tanzen; im Rhythmus eines Tanzenden bewegt sich der Erzähler auf die Wirklichkeit zu."


Cesare Pavese in "Der böse Blick"



"Letztlich sind es Geschichten, die von uns bleiben, und wir sind nicht mehr als die paar Erzählungen, welche die Zeit überdauern. Und in den besten dieser alten Erzählungen, jenen, nach denen wir immer und immer wieder verlangen, gibt es Liebende, gewiss, aber die Teile, für die wir uns wirklich interessieren, sind die, in denen den Liebenden Steine in den Weg gelegt werden. Vergiftete Äpfel, verzauberte Spindeln, eine schwarze Königin, eine böse Hexe, ein kinderstehlender Gnom - das ist es, was wir hören wollen."


Salman Rushdie in "Des Mauren letzter Seufzer"



 


"Romane soll man nicht verfilmen, Märchen nicht dramatisieren. Die Fantasie des Zuschauers wird durch eine realistische, logische Erzählweise weder angeregt noch bedient. Der Versuch, einen Riesen auf die Bühne zu bringen, muss scheitern. Die Imagination des Lesers lässt den Schauspieler auf Stelzen lächerlich erscheinen. Keine Bühne ist groß genug, meinen Riesen zu zeigen, keine Schauspielerin in der Lage, meine Hexe zu spielen, mag man ihr noch so viele Warzen ins Gesicht kleben. Kein Bühnenbildner kann mir meinen Zauberwald bauen."


Beat Fäh im Programmheft

"HEXENFIEBER" (Vorstadt-Theater, Basel)



 


"Märchen bestehen eben nicht primär aus Texten. Erst die vielseitige Umsetzung eines Sinnzusammenhanges durch das Zusammenspiel von stimmlichen, mimischen und gestischen Ausdrucksmitteln und deren Einbettung in die jeweilige Situation ergeben jene Faszination, die beim Lesen kaum erlebt werden kann."


Felix Karlinger in "Märchen aus Argentinien"



 


"Nicht wahr: so seltsam diese Geschichten auch sind, man kann sie immer wieder hören. Es wird einem anders dabei."


Samuel Simone, Händler, 67 Jahre



 


"Abulcasim sagte:'Eines Abends führten mich die muselmanischen Kaufleute von Sin Kalan zu einem Haus aus bemaltem Holz, in dem viele Menschen lebten. Wie dieses Haus beschaffen war, lässt sich nicht schildern, denn eigentlich bestand es nur aus einem einzigen Gemach, mit Reihen offener Kammern oder Balkone eine über der anderen. In diesen Vertiefungen saßen Leute, die aßen und tranken, und ebenso auf dem Boden und ebenso auf der Terrasse. Die Personen auf dieser Terrasse schlugen die Trommel und die Laute, ausgenommen etwa fünfzehn oder zwanzig Figuren (mit scharlachfarbenen Masken), die vorbeteten, sangen und Zwiegespräche führten. Sie litten Gefangenschaft, aber ein Kerker war nicht zu sehen; sie ritten, aber das Pferd war nicht zu sehen; sie fochten, aber die Degen waren aus Rohr; sie starben und standen danach wieder auf.'
'Das Treiben der Narren', sagte Farach, 'übertrifft die Voraussicht der Vernünftigen.'
'Es waren keine Narren', musste Abulcasim erklären. 'Sie stellten etwas dar, sagte zu mir ein Kaufmann, eine Geschichte.'
Niemand verstand, niemand schien verstehen zu wollen.
'Stellen wir uns vor: jemand zeigt eine Geschichte vor, anstatt sie zu erzählen. Meinetwegen die Geschichte von den Schläfern von Ephesus. Wir sehen sie in die Höhle kriechen, wir sehen sie beten und schlafen, wir sehen sie mit offenen Augen schlafen, wir sehen sie wachsen, während sie schlafen, wir sehen sie nach dreihundert Jahren aufwachen, wir sehen sie dem Händler eine alte Münze reichen, wir sehen sie im Paradies aufwachen, wir sehen sie mit dem Hund aufwachen. Etwas der Art zeigten an jenem Abend die Leute auf der Terrasse.'
'Sprachen diese Personen?' fragte Farach.
'Und ob', sagte Abulcasim, 'sie sprachen und sangen und deklamierten.'
'In diesem Falle', sagte Farach, 'waren keine zwanzig Personen vonnöten. Ein einziger Sprecher genügt, um was es auch sei zu erzählen, mag es auch noch so verwickelt sein.'"


Jorge L.Borges in "Averroes auf der Suche"