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Mit Worten Welten erschließen


(Im Folgenden wird der Adressat eines Witzes immer als Zuhörerin bezeichnet, da der Gegenstand der Untersuchung hauptsächlich in der Mündlichkeit lebt. Die Leserin ist aber selbstverständlich immer mit gemeint ;-)

 

Oft höre ich in den Fortbildungen zum Geschichtenerzählen, die ich gebe, die Aussage:  „Ach, ich kann nicht erzählen. Witze zum Beispiel: geht gar nicht.“ Diese Aussage ist auf zweifache Weise hoch interessant. Zum einen verdeutlicht sie, wie sehr im gegenwärtigen Alltag das bewusste, geplante Erzählen (im Unterschied zum spontanen, meist unbewussten Erzählen, das wir alle und ständig tun), mit dem Erzählen von Witzen identifiziert – und darauf reduziert –  wird.


Zum anderen wirft sie natürlich die folgenden Fragen auf: „Sind Witze überhaupt Geschichten? Wenn nein, was ist der Unterschied? Wie wirkt sich der auf’s Erzählen aus?“ Aus eigener Beobachtung: ich erzähle gern und viel Geschichten und habe das auch zu meinem Beruf gemacht. Witze aber erzähle ich kaum, ob nun auf der Bühne oder privat, und wenn doch, muss ich schon in einer ganz besonderen Stimmung sein. Was ist da los?


Schauen wir uns doch einfach mal einen Witz an:

Kommt ein Mann zum Arzt. Sagt der Arzt: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die schlechte: Sie haben Alzheimer. Die gute: Sie werden’s bald vergessen haben...“


Dieser Witz eignet sich in doppelter Hinsicht  hervorragend, um das Verhältnis zwischen Witz und Geschichte ein bisschen auszuleuchten: er ist auf die wesentlichen Bestandteile eines Witzes reduziert, und es ist einer, auf den wahrscheinlich nicht alle Menschen auf die gleiche Weise reagieren.


Rückt man dem Witz nun mit dem klassischen Modell des dramaturgischen Aufbaus einer Geschichte zu Leibe, geht am Anfang noch alles gut. Wir finden die Orientierung des Hörers als ersten Schritt „Kommt ein Mann zum Arzt.“, fünf Wörter, die schon die komplette Szenerie vor dem Auge der Zuhörerin entstehen lassen: die Räumlichkeiten einer Arztpraxis, ein erwachsener Mann, ein Arzt, wie immer der jeweilige Zuhörer sie in seiner Vorstellung gestaltet. Soweit alles klar.


Die Komplikation, der Konflikt lassen nicht lange auf sich warten. Der Patient erfährt: „Sie haben Alzheimer.“ Schon beim imaginären Betreten der Praxis haben wir als Zuhörerinnen uns vermutlich mit dem Patienten identifiziert, denn die meisten von uns fürchten sich vor schlechten Nachrichten beim Arztbesuch. Der Konflikt ist nachvollziehbar und wesentlich. Was bedeutet diese Diagnose für den Patienten, für seine Familie, für seinen ganzen Lebensentwurf? Witz und Geschichte gehorchen noch den selben Gesetzen.


Und dann das: „Die gute Nachricht: Sie werden’s bald vergessen haben.“ Ist das die Lösung des Konfliktes, nach der jede Geschichte ruft, egal, ob sie tragisch oder glücklich oder irgendwo dazwischen ist? Nein, es ist eine Umdeutung des Konfliktes, eine Umdeutung der Wirklichkeit, und davon lebt der Witz: die meisten Pointen tun genau dies und rücken die Situation jäh in ein anderes Licht. Diese Umdeutung wird typischerweise von einer der Witz-Figuren vorgenommen, und zwar wiederum meist durch wörtliche Rede, nicht durch eine Handlung, die die Realität verändern würde. Es bleibt beim Deuten. Je brisanter das Thema, je größer das Tabu oder die Angst, die damit verbunden ist, desto explosiver der Witz.


Wenn man aber nach der Geschichte schaut, deren Anfang im Beispiel erzählt wird, steht am Ende der Patient mit dieser Diagnose allein da, am Konflikt hat sich nichts geändert, und wir erfahren durch den Witz auch nicht mehr, wie die Geschichte weiter geht.


Die Lösung, die der Witz anstrebt, ist das Lachen über die Komik, die durch die Umdeutung entsteht. Deren Adressat ist aber nur scheinbar einer der Protagonisten des Witzes, in Wirklichkeit ist es die Zuhörerin: im Moment des Umdeutens schaut quasi der Arzt nicht seinen Patienten an, sondern den über ihm schwebenden Zuhörer.
Somit handelt es sich nicht um eine Lösung auf der dramatischen Ebene einer Geschichte, sondern um eine auf der Beziehungsebene zwischen Erzählerin und Zuhörer. Wenn der Witz aufgeht, wenn die Zuhörerin schallend lacht, dann wird jede weitere Frage nach dem Patienten, nach dem weiteren Verlauf der Geschichte, jede Tragik vom Gelächter hinweg gespült. Auftrag erfüllt.


Was aber, wenn der Zuhörer nach der Pointe keine Miene verzieht, und vielleicht noch sagt: „Na ja, mein Vater hat Alzheimer, ich finde das nicht sehr lustig.“? Es gehört für viele Menschen zu den peinlichsten Alltagserfahrungen, wenn ein Witz nicht aufgeht. Was ist passiert?


Er bleibt doppelt ungelöst, sowohl auf der dramaturgischen, als auch auf der Beziehungsebene. Auf diese Ebene nämlich, derjenigen zwischen Erzählerin und Zuhörer, wird die Spannung, die durch die Geschichte aufgebaut wird, mit der Pointe schlagartig verlagert - „Na? Wie findste des?“ Im oben konstruierten Fall hat sich der Zuhörer sogar noch vollständig mit dem Patienten identifiziert, die Umdeutung findet er nicht nur witzlos, sondern auch noch schmerzhaft. Ein Konsens auf der Beziehungsebene wird grob verweigert.


Diese Beziehungsebene lohnt eine genauere Betrachtung. Die unausgesprochene Botschaft, eines Menschen, der gleich einen Witz erzählen wird – und dies übrigens auch immer ankündigen muss mit „Kennen Sie den?“ oder „Da weiß ich einen Witz...“ – lautet: „Wollen wir wetten, dass ich Dich zum Lachen bringen kann?“. Oder überspitzt formuliert: „Wollen wir wetten, dass Du mich so sympathisch findest, dass Du mich für so einen guten Erzähler hältst, dass Du lachen wirst?“


Letztendlich könnte man es so sehen, dass der Witz als solches nur eine Kategorie der Beziehungsgestaltung ist, die von ihm erzählte Geschichte nur als Vehikel benutzt, und ihr Inhalt (abgesehen vom Tabu/Angst/Ressentimentgehalt) zweit- oder drittrangig ist. Vielleicht auch ein Grund, warum der Drang der Zuhörer, mit einem nächsten Witz selbst noch einen drauf zu setzen, viel stärker ist, als beim Erzählen von Geschichten ohnehin? Wird da eventuell ein kleiner, für Einzelne tragisch verlaufender Wettbewerb um Beliebtheit ausgetragen?


Eine Wette ist immer ein Risiko, man kann sie gewinnen oder verlieren, siehe oben. Das ist vermutlich auch der Grund, warum Menschen, die über ein weniger ausgeprägtes Selbstbewusstsein verfügen, instinktiv vor dem Erzählen von Witzen zurückschrecken. Die Angst davor, die Wette zu verlieren, bestimmt den Erzählvorgang von Anfang an, sorgt für Unsicherheiten, Verwechslungen („Ach nee, warte mal, das war anders...“), überträgt sich als unangenehme Anspannung auf die Zuhörenden, kurz: tut alles dafür, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen, weil die Wette am Schluss verloren geht. Ein typischer Fall von selbsterfüllender Prophezeiung.


Beim Erzählen von vollständigen Geschichten geht es um etwas anderes: die Beziehungsebene zwischen Erzähler und Zuhörerin ist wichtig, hat aber nicht den Vorrang. Eine Geschichte möchte eine Weltsicht vermitteln, Emotionen wachrufen und teilen, den anderen berühren. Auch das kann misslingen, aber es ist keine Wette auf ein bestimmtes Ergebnis. Ich kann eine Geschichte anhören und hinterher sagen: „Schön und gut, nicht meines, aber man kann die Welt natürlich so sehen.“ Und bin dem Erzähler nicht böse – vorausgesetzt natürlich, er hat die Beziehungsebene nicht grob verletzt, indem er mir eine bestimmte Botschaft aufzwingen will oder zu lange erzählt, weil er meine unwillkürlichen Rückmeldungen nicht wahrnimmt.

Wenn ein Witz im Kern eine Wette darstellt, dann ist eine Geschichte ein Versprechen, welches da heißt: „Ich werde Dir ein Geschehen erzählen, mit mindestens einer Komplikation, einem Konflikt, einer Schwierigkeit, die aber gelöst werden wird.“


Und genau diese Lösung bietet sich an für den Fall, dass einer Erzählerin ein Witz eben doch mal abstürzt, weil die Lebenswelten – und damit auch der Humor – zu verschieden sind, oder ich meine Zuhörerin gerade mit diesem Witz auf dem falschen Fuß erwischt habe. Die Lösung auf der Beziehungsebene wird vom anderen verweigert, er lacht nicht.


Bleibt mir als Erzähler wenigstens noch der ehrenvolle Ausweg, und die Aufgabe!, die Lösung auf der dramaturgischen Ebene nachzureichen, aus der angefangenen Geschichte eine ganze zu machen, den Konflikt, der in der Geschichte behandelt wird, zu beenden, wie auch immer. Der Teil in unseren Zuhörern, der auf Geschichten anspringt, will ja erfahren, wie die Geschichte weitergeht. Die aufgebaute Spannung bleibt da, wo sie hingehört: in der Geschichte, und wir können als Zuhörerinnen, unbehelligt von einem plötzlichen Schlaglicht auf die Beziehungsebene zwischen Erzählerin und uns, weiterverfolgen, wie sie gelöst wird.


Da weiß ich einen....

(Witz:) „Kommt ein Mann zum Arzt. Sagt der Arzt: ,Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die schlechte: Sie haben Alzheimer. Die gute: Sie werden’s bald vergessen haben...‘“

(Reaktion des Adressaten:) „...“

(Rettung:) „Der Mann steht da und schaut. Dann haut er dem Arzt eine rein und sagt: ,Das mit der Patientenkommunikation, das üben wir aber noch mal...‘

Sprach’s und ging hinaus.“


Damit ist natürlich der Grundkonflikt, die Krankheit, auch noch nicht aus der Welt. Es gehört zur Tragik unserer Realität – und damit aber auch zur Sprengkraft, also dem Umdeutungspotential des Witzes – dass es (noch) keine Therapie, also keine positive Lösung, für diese Diagnose gibt. Aber die Umdeutung, die vorher eine Antwort auf der Beziehungsebene verlangte ("Wie findste des?"), verliert jetzt diese Funktion und wird stattdessen zum Kern eines neuen innergeschichtlichen Konfliktes, nämlich der unangemessene Umgang mit Patienten, und dieser Konflikt wird schlagfertig gelöst. Weiterhin entsteht mit dieser Fortsetzung (zumindest in mir) das Bild eines Menschen, der sich dem Leben stellt und dem Unvermeidlichen ins Auge schaut. Mögliche aggressive Gefühle des Zuhörers der Erzählerin gegenüber werden auf den Arzt umgelenkt.


Oder kennen Sie den?

Kommt ein Mann zum Arzt. Sagt der Arzt: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die schlechte: Sie haben Alzheimer. Die gute: Sie werden’s bald vergessen haben...“

„...“

Der Mann geht weinend hinaus. Ein paar Tage später war er tot, er hatte sich das Leben genommen. Wäre es nicht schön, endlich eine Therapie zu finden? Ich habe mich gerade entschlossen, einen kleinen Betrag der Alzheimer Stiftung zukommen zu lassen. Machen Sie mit?


Auch eine Art, Buße zu tun für einen missglückten Witz über tragische Krankheiten.

Möglich, dass mein Zuhörer mit diesen Lösungen immer noch nichts anfangen kann. Aber ich habe es ihm und mir erspart, mir auf der Beziehungsebene überdeutlich klarmachen zu müssen: „Ich mag Ihren Humor nicht“, oder, überspitzt formuliert, „Ich mag Sie im Moment nicht“.

Probieren Sie es aus, es funktioniert. Zu jedem Witz, den ich kenne, fällt mir eine Situation ein, in der er schief gehen könnte, und zu jedem Witz finde ich eine Fortsetzung, eine Vervollständigung, die die Geschichte (nicht den Witz, der ist rum um’s Eck!) rettet. Um sie zu finden, genügt es meist, hinzuschauen, wie die Figuren in der Geschichte weiter agieren.

Und jetzt: viel Vergnügen beim Erzählen, ob nun von Witzen oder ganzen Geschichten!



Martin Ellrodt, im Juli 2010

Kontakt: martin(rollmops)ellrodt.de

"Witz, komm raus, Du bist umzingelt!"
- von abgestürzten Witzen
und ihrer Notrettung


von Martin Ellrodt